22.05.2025 - 7 Bericht des Geschäftsführers des Kielers Anker ...

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Frau Krüger, Leitung der Stabsstelle 05-1 – Strategische Führungsunterstützung, führt inhaltlich kurz in die Thematik ein. Grund für die Einladung des Geschäftsführers Herr Lehmann sei die Planung ein Szenecafè in Lüneburg zu eröffnen. Anhand eines Beispiels wolle man einen Eindruck davon bekommen, wie ein solcher Treffpunkt konzipiert werden könne.

 

Herr Lehmann ist digital zugeschaltet und berichtet zu Trinkräumen.

  • Menschen brauchen einen Raum an dem sie geschützt (physisch und emotional) und akzeptiert sind
  • Die Menschen wurden im Vorfeld der Eröffnung dazu befragt
  • Die Menschen wollen keine Sozialpädagogen vor Ort
  • Die Verhaltensweisen der Menschen sollten akzeptiert werden
  • Kontakt zu Menschen mit Erfahrungen aus der Szene, die sich weiterentwickelt haben, ist wichtig
  • Öffnungszeiten: 9-15 Uhr
  • Günstige Getränke erhältlich, eigene Getränke dürfen mitgebracht werden (bis 15%)
  • Cannabis ist nicht erlaubt
  • Peers stehen hinter dem Tresen (schlichten Streit, beantworten Fragen, Wegweiser Funktion)
  • Leitung ist Sozialpädagoge (Beratungsangebote, Krisenintervention, Erstgespräch, Anrufe begleiten etc.) ohne Termin, niedrigschwellig
  • Computernutzung ist möglich

 

Frau David, Leitung des Fachbereichs 5-1 - Soziales und Integration, fragt nach, wie hoch die Anzahl der Nutzenden ist und nach dem Mobiliar sowie der Größe des Raums.

 

Herr Lehmann teilt mit, dass die Nutzung saisonal unterschiedlich stark ist. Im Winter ist der Trinkraum sehr gut genutzt und im Sommer weniger. Im Winter wären mehr Standorte auch voll belegt. Alle Sitz- und Stehplätze sind dann erschöpft.

 

Weiter teilt Herr Lehmann mit, dass es zwei Trinkräume gibt. Der erste ist mit einem Clubraum vergleichbar und mit Tischen und Stühlen ausgestattet. Der zweite ist eine ehemalige Eckkneipe mit einem Tresen und Tischen. Zu normalen Zeiten können sich in beiden Räumen jeweils 30 Menschen aufhalten. Zu Stoßzeiten kann es sich um 40-50 Menschen handeln.

 

Ratsfrau Kabasci berichtet, dass die Stadt seit einem langen Zeitraum für diesen Zweck Räume sucht. Jedoch treten die Vermieter:innen von einem Angebot zurück, sobald der Zweck bekannt wird. Sie fragt nach, ob die Problematik in Kiel ähnlich war.

 

Herr Lehmann antwortet, dass man den einen Vermieter durch die Projektkonzeption überzeugt habe. Bei dem anderen Objekt hatte die Immobilie keine wirtschaftliche Perspektive. Sie liegt in einem Brennpunkt.

 

Stadträtin Scholz teilt mit, dass sich die Hauptszene in der Innenstadt an wechselnden Plätzen aufhält. Es soll ein Konzept erarbeitet werden, neben dem Kommunalen Ordnungsdienst und der Aufsuchenden Sozialarbeit, um langfristige Unterstützung anzubieten. Sie fragt, wie zentral die Standorte in Kiel liegen.

 

Herr Lehmann antwortet, dass die Standorte da sein müssen, wo die Menschen sind. Der erste Standort ist nahe dem Bahnhof und in der Nähe der Beratung für Obdachlose. Der zweite ist dort, wo sich die Menschen in der Vergangenheit aufgehalten haben. Die Substitutionsstelle ist ebenfalls in der Nähe.

 

Stadträtin Scholz erkundigt sich, wie mit möglichen Konflikten umgegangen wird, wenn sich Menschen im Sommer vermehrt im Freien statt in Innenräumen aufhalten. Sie fragt außerdem, ob es nicht zu Irritationen in der Bevölkerung führen könnte, wenn es zwar Trinkräume gibt, Konsum dennoch weiterhin im öffentlichen Raum sichtbar ist.

 

Herr Lehmann erklärt, dass die Trinkräume im Sommer meist zu etwa zwei Dritteln ausgelastet sind, ohne dass es zu Konflikten kommt, da sich die Menschen besser im öffentlichen Raum verteilen. Im Winter hingegen fehlt es an geschützten Aufenthaltsorten, was die Lage erschwert. Der Trinkraum übernimmt für viele die Funktion eines sicheren Rückzugsorts – vergleichbar mit einem Wohnzimmer und ermöglicht den Besucher:innen, Verantwortung zu übernehmen und gesellschaftliche Teilhabe zu erleben. Besonders wertvoll ist dabei das Engagement von Straßenerfahrenen, die aktiv mitarbeiten und als Vorbilder innerhalb der Szene wirken.

 

Stadträtin Scholz erkundigt sich, ob vor der Eröffnung der Trinkräume eine statistische Erhebung durchgeführt wurde. Herr Lehmann bestätigt dies und betont die Notwendigkeit.

 

Weiterhin fragt Stadträtin Scholz, ob unter den Gästen auch Drogenkonsum vorkommt und ob multikomplexe Problemlagen bestehen.

 

Auch dem stimmt Herr Lehmann zu. An einem Standort weisen etwa 90 % der Gäste eine Drogenproblematik auf bzw. befinden sich in Substitution, am zweiten Standort sind es rund 80 %. Zusätzlich liegt bei 89 % bzw. 79 % eine Alkoholerkrankung vor. Etwa die Hälfte der Besucher:innen hat Wohnungslosigkeit erfahren. Darüber hinaus sind Ersatzfreiheitsstrafen und psychische Erkrankungen häufig Teil der individuellen Lebenslagen.

 

Ratsherr Lühmann begrüßt das Projekt ausdrücklich und erkundigt sich, ob ein geschützter Außenbereich im Sommer sinnvoll wäre. Außerdem erkundigt er sich, wie mit Gästen verfahren wird, die beim Betreten des Trinkraums eine Alkoholflasche mitführen.

 

Herr Lehmann bestätigt, dass ein Außenbereich gut wäre und betont, dass ein solcher Bereich den Bedürfnissen der Gäste entsprechen und zugleich Schutz bieten sollte. Auf die Frage, wie mit mitgebrachten Alkoholflaschen umgegangen wird, erklärt Herr Lehmann, dass Gäste gebeten werden, diese nicht offen zu zeigen. Wird die Flasche sichtbar auf den Tisch gestellt oder daraus getrunken, erfolgt ein Ausschluss vom Aufenthalt im Trinkraum.

 

In Bezug auf die Durchsetzung der Regeln erläutert Herr Lehmann, dass sowohl die Gäste selbst als auch das Tresenpersonal auf Regelverstöße hinweisen. Polizeieinsätze seien selten und meist auf akute psychische Ausnahmesituationen zurückzuführen. Hausverbote wegen Drogenkonsums oder unangemessenen Verhaltens würden nur in Ausnahmefällen ausgesprochen. Das pädagogische Personal müsse selten eingreifen, da die Atmosphäre im Trinkraum in der Regel stabil sei. Die Gäste wüssten diesen geschützten Raum zu schätzen.

 

Ratsherr Lühmann fragt abschließend, wo sich die Menschen nach Schließung des Trinkraums, insbesondere in den Abend- und Nachtstunden, aufhalten.

 

Herr Lehmann erklärt, dass viele Betroffene nach 17 Uhr kaum noch Kraft hätten, sich weiter im öffentlichen Raum aufzuhalten.

 

Ratsherr Soldan fragt nach, ob sich die Menschen im Außenbereich vor den Trinkräumen treffen und in welchem Zustand sich dieser befindet. Weiter teilt er mit, dass Lüneburg keinen Fixerraum habe und fragt, ob es einen solchen Kiel gibt und, ob man die zusammenlegen könnte.

 

Herr Lehmann erläutert, dass sich Menschen nur kurzzeitig vor den Trinkräumen aufhalten und es keine nennenswerte Vermüllung gibt. Er betont, dass die Vermüllung dort ist, wo sich die Menschen der Szene aufhalten. Die Trinkräume hätten die Situation der offenen Szene deutlich entspannt. Ein Konsumraum sei in Kiel derzeit in Planung, solle jedoch räumlich und konzeptionell vom Trinkraum getrennt bleiben, da dort ein medizinisch betreutes Angebot erforderlich sei. Er ergänzt, dass ein Konzept für Fixerräume bereits vorliegt und aktuell aktiv nach geeigneten Räumlichkeiten gesucht wird.

 

Frau Krüger erkundigt sich, ob ein Besuch der Einrichtungen in Kiel möglich ist.

Herr Lehmann bestätigt dies und informiert, dass soziale Straßenführungen angeboten werden, um die Szene kennenzulernen und die Einrichtungen vorzustellen.

 

Ratsfrau Kabasci bedankt sich und befürwortet eine Fahrt mit dem Ausschuss. Sie fragt nach, ob die Verwaltung oder ein freier Träger den Trinkraum betreiben sollte. Der freie Träger könnte dann auch an der Fahrt teilnehmen.

 

Stadträtin Scholz teilt mit, dass man sich noch in der Grundlagenfindung befinde. Es liegen Beschlüsse vor. Weiter müsse man Zahlen, Daten, Fakten eruieren und Leute befragen, z.B. mittels der Aufsuchenden Sozialarbeit und dem Kommunalen Ordnungsdienst Licht ins Dunkle bringen bzgl. der Bedürfnisse und Bedarfe der betroffenen Menschen. Die Arbeit müsse definiert und ausgeschrieben werden und dazu müsse ein Ziel benannt werden. Ein Träger könne daher noch nicht an einer Fahrt teilnehmen.

 

Herr Lehmann empfiehlt, die Befragung der Szene nicht durch identifizierbare Verwaltungsmitarbeitende durchführen zu lassen, sondern durch Personen aus der Szene selbst, da diese zu ehrlicheren Antworten führen.

 

Frau David schlägt vor, obdachlose Personen aus Rettmer zu gewinnen, die Interesse an einer Recherche hätten. Zudem verweist sie auf das Hamburger Modell, bei dem Mitarbeitende von „Hinz und Kunz“ Stadtführungen anbieten, und äußert den Wunsch, ein ähnliches Angebot auch in Lüneburg zu etablieren.

 

Herr Lehmann teilt mit, dass derzeit an einem übergreifenden Konzept gearbeitet wird und er eine Kopie dieses Konzepts nach Fertigstellung an Lüneburg übermitteln wird.

 

Die Ausschussvorsitzende Henze fragt, wie hoch das zur Verfügung stehende Budget ist.

 

Herr Lehmann kann ein Budget nicht genau benennen. Er verweist aber auf die Kosten für zwei Tresenkräfte, eine Sozialpädagogin/einen Sozialpädagogen sowie Miete und Nebenkosten, die sich auf etwa 200.000 Euro pro Trinkraum belaufen.

 

Die Ausschussvorsitzende Henze fragt nach den Mittagstischangeboten, Öffnungszeiten und der Finanzierung.

 

Herr Lehmann erklärt, dass ein Trinkraum Montag bis Samstag, der andere Montag bis Freitag geöffnet sei. Im erstgenannten wurde eine zusätzliche Sozialarbeitsstelle geschaffen, die Mehrkosten von 70.000 Euro verursacht. Öffnungszeiten sind 10:00 Uhr – 17:00 Uhr. Es gibt insgesamt drei Mittagstische, davon einer ganzjährig geöffnet. Die Verpflegung erfolgt überwiegend mit gespendeten Lebensmitteln, Ehren- und Hauptamtliche arbeiten dort, teils mit Armutserfahrung oder gesundheitlichen Problemen. Die Angebote sind für alle Bürgerinnen und Bürger offen, einer befindet sich bei der Bahnhofsmission. Die Finanzierung eines Mittagstisches erfolgt teils durch Spenden, teils durch die Stadt Kiel und Kirchengemeinden. Eine Mahlzeit kostet 2,50 Euro, freiwillige Aufzahlungen sind möglich.

 

Ratsfrau Kabasci hält den Kommunalen Ordnungsdienst für die statistische Befragung nicht für geeignet und verweist auf die Informationen, die der Aufsuchenden Sozialarbeit bereits vorliegen. Wichtig sei, zunächst eine Immobilie zu finden, um dann die Umsetzbarkeit zu prüfen. Konzepte und Zahlen seien sekundär.

 

Die Ausschussvorsitzende Henze erklärt, dass es in Lüneburg mehrere Gruppen gebe: Eine konsumiert ausschließlich Drogen und sei gut substituiert. Diese suche tagsüber Aufenthaltsmöglichkeiten, habe aber keine Kontakte zu den Alkoholkonsumierenden. Die zweite Gruppe konsumiert Alkohol und ist in Mischtoxikation. Die Szene ist überwiegend im Freien aktiv, daher sei eine Eckkneipe mit Außenbereich wichtig

 

Frau Krüger verdeutlicht, dass ein Konzept auch dazu diene, eine Immobilie zu finden und den/die Vermieter/in davon zu überzeugen.

 

Stadträtin Scholz sieht das Ziel eines Szenecafés darin, die Szene besser zu verstehen. Sie nimmt wahr, dass zwei unterschiedliche Szenen bestehen (Alkohol- und Drogenkonsum) und dass sich die Lage am Clamartpark sowie Am Sande entspannen soll. Sie nennt die Problematik, dass sich die Menschen an öffentlichen Orten aufhalten und einen Schutz- bzw. Aufenthaltsraum benötigen, um aus dem öffentlichen Bild zu verschwinden, Konflikte zu vermeiden sowie Ansprechpartner:innen und Hilfe zu erhalten. Eine Übersicht über Anzahl, Bedürfnisse und Bedarfe der Betroffenen sei erforderlich, da man sonst z.B. nicht wisse, wie groß die Räumlichkeiten sein sollten. Sie fragt, für welche Gruppen das Szenecafé gedacht sei.

 

Ratsfrau Kabasci verweist auf ein vorliegendes Konzept und betont, dass in Lüneburg kein Fixerraum geschaffen werden könne, bevor ein alkoholakzeptierender Raum bestehe. Das Szenecafé sei für alkoholabhängige Menschen gedacht, um einen niederschwelligen Zugang zu Leistungen zu schaffen. Viel Wissen liege bei den Streetworkern vor, und der Prozess solle nicht von vorne begonnen werden.

 

Frau Krüger macht deutlich, dass man nicht von vorne beginnen will, aber bisher mit dem rudimentären Konzept und Wissen keinen Vermieter überzeugen konnte.

 

Frau David hält es für wichtig, die Menschen in Rettmer mit einzubeziehen und zu beteiligen.

 

Die Ausschussvorsitzende Henze weist auf unzureichende Strukturen in Lüneburg hin und beschreibt den Bedarf nach einem Rückzugsort für Menschen, die ständig vertrieben werden. Ein Immobilienkauf sollte geprüft werden.

 

Stadträtin Scholz erklärt, sie habe verstanden, dass ein Aufenthaltsort für Menschen gesucht werde, die sich an verschiedenen öffentlichen Orten aufhalten. Sie weist darauf hin, dass derzeit keine verlässlichen Zahlen zur Größe dieser Personengruppe vorliegen. Entscheidungen hinsichtlich Kauf oder Anmietung sollten erst nach Vorliegen eines fundierten Konzepts getroffen und mit dem Kämmerer abgestimmt werden.
Sie bittet den Ausschuss, die bisherigen Eindrücke zunächst wirken zu lassen. Die Verwaltung wird fortlaufend über ihre Aktivitäten berichten und erkundigt sich, ob ein Besuch der Einrichtungen in Kiel gewünscht ist. Dies beantworten die Ausschussmitglieder nicht eindeutig.

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